Ein grundlegendes Problem unserer Gesellschaft, oder:
Die Diktatur der Mehrheit (des schlechten Geschmacks)

         Seit geraumer Zeit beobachte ich, dass immer wieder gute Produkte, meist von kleineren Anbietern und leise ihr Nischendasein fristend, vom Markt verschwinden. Stattdessen werden wir mit einer Flut anderer Waren, die meine bescheidenen aber bestimmten Qualitätsansprüche meist nicht befriedigen können, überrollt. Was passiert hier eigentlich, einmal abgesehen von der Tatsache, dass überall die internationale Großindustrie 1 kleine Konkurrenten (z.B. durch Dumping, Übernahmen etc.) verdrängt, um den Markt zu beherrschen und später ohne die lästigen Mitbewerber die Preise wieder kräftig und über das frühere Niveau hinaus zu erhöhen?
         Unlängst fiel mir dazu folgendes Bild ein: Vor allem in Europa werden sich viele erinnern, wie Politiker und Wirtschaftsleute früher auf den Ostblock zeigten, ‚die' haben kein vielfältiges Angebot, dort können sie nicht frei wählen, alles sieht gleich aus usw., auch um die Unzufriedenheit der Menschen dort zu schüren. Inzwischen genießen wir hier alle die Segnungen des freien Marktes, eine schier endlose Vielfalt von Produkten, doch irgendwie will sich bei mir trotzdem keine Zufriedenheit, schon gar keine Euphorie einstellen. Neue Automodelle sehen alle gleich aus, die Marken sind kaum zu unterscheiden. Nahrungsmittel in den Großmärkten, da vor allem die weiterverarbeiteten- u. Fertigprodukte, schmecken alle ähnlich bis gleich (trotz unterschiedlichster Zutaten) und bestehen im Wesentlichen aus industriell verarbeiteten Grundstoffen derselben wenigen Hersteller. Bei uns in Österreich wurde erst vor kurzem das staatliche Rundfunkmonopol beendet, doch entgegen aller Erwartung gibt es jetzt zwar mehr Radio- u. Fernsehstationen, doch gespielt wird überall das gleiche, kein einziger Spartensender, keine Nischenprogramme konnten sich etablieren, und nun läuft sogar im ‚öffentlich rechtlichen' auch noch derselbe Einheits- Verdummungs- und Desinformationsbrei! Ich kann heute zwischen zig Varianten des gleichen Produkts in unüberschaubaren ‚Megamärkten' aus(qu)wählen, doch die Unterschiede im einzelnen sind marginal bis nicht vorhanden, und die Qualität im Allgemeinen ist bestenfalls durchschnittlich bis schlecht!
Das haben wir vor allem einer Tatsache zu verdanken, dass heute praktisch jedes Produkt bis hin zur Dienstleistung, Unterhaltung etc. getestet wird 2 , wie es der Mehrheit besser mundet, gefällt, unter die Nase oder die Haut geht oder was auch immer, so wird produziert. Eigene Labors sind damit beschäftigt, den Geschmack von möglichst vielen Menschen ‚auf Einmal' also mit EINEM Produkt, und nicht etwa durch ein vielfältig(er)es Angebot (absurder Gedanke, oder?!) zu treffen. Der Rest (!!), immerhin bis zu 49%, wird geflissentlich ignoriert! Da nun alle Hersteller dieselben Kriterien anlegen, kommt am ende, welch Wunder, überall dasselbe heraus. Wir zeigen quasi ‚posthum' dem ehemaligen Ostblock, dass wir wirklich das ‚bessere' System haben und produzieren, endlich ‚ganz frei', nur mehr Einheitsprodukte für Durchschnittsmenschen, nur dass alle schön verschieden, bunt und aufwändig verpackt aussehen 3 und unsere mittlerweile ‚befreiten' Brüder und Schwestern sich diese jetzt kaum noch leisten können! SO weit haben wir's also gebracht.
         Ähnliches kann man auch in vielen anderen Bereichen unserer demokratischen Gesellschaften beobachten. Besonders Krass finde ich die Auswirkung des freien Marktes auf die Medien, deren Überleben und Erfolg offenbar nur durch die extreme Anbiederung an die Wirtschaft und die Macht, heutzutage eng bis unentwirrbar verknüpft, zu erreichen ist. Wie durch Selbstzensur werden so alle Beiträge, welche diesen Interessen schaden könnten, eliminiert und es entsteht völlige Uniformität, und das auch ohne jede direkte Einflussnahme.          
Es gibt viele weltweite Bestrebungen zum Erhalt und Schutz der Vielfalt von Kulturen, Sprachen und deren Trägern, zumeist Minderheiten. Wir wollen etwas analog erreichen auch in Bezug auf Produkte und Informationen. Die Globalisierung (das Mode- und v.a. Entschuldigungswort schlechthin), ich bevorzuge jedoch Wirtschafts- und Kulturimperialismus als wesentlich treffenderen Ausdruck, ausgehend von den wenigen üblichen ‚Berüchtigten' dies- und jenseits des Atlantik, stellt eine grundsätzliche Bedrohung der Vielfalt von Meinungen (mit der Möglichkeit zur Publizierung), Erzeugnissen, Kulturellen Äußerungen und Lebensweisen und damit auch von Wissen und Information dar, welche, wenn sie einmal nicht mehr Bestandteil gelebter Kultur sind, unwiederbringlich verloren gehen. Ich empfinde diese jedenfalls als wesentlich stärkere, konkretere und umfassendere Bedrohung als z.B. jene durch den sog. Terror. In diesem Sinne sollten wir Handeln, und unsere Macht als Wirtschaftsfaktor aktiv gebrauchen.

Tipps zum Thema:
Wie immer, kaufen sie nichts! Da dies in der täglichen Praxis leider auf unlösbare Probleme stößt, versuchen sie etwas davon:
Bevorzugen sie weitgehend den Kleinhandel und vor allem regionale Erzeugnisse.
Vergleichen sie die Preise mit Großmärkten, diese sind meist nicht günstiger, und kaufen sie in solchen wenn dann nur sog. Aktionswaren oder stark verbilligte Angebote (z.B. kurz vor Ladenschluss), und verlassen diese dann schnellstmöglich (extra Tipp: Scheuklappen mitbringen).
Kaufen sie wo noch möglich direkt von Produzenten, Kleingewerbe, Bauern in ihrer Nähe oder auch global (Internet taugt nicht nur zum chatten und Spielen). Sie schalten damit teuren Zwischenhandel aus und nutzen die Vorzüge internationalen Handels auch einmal für sich, allerdings unter Beachtung aller geg. Vorsichtsmassnahmen in sachen Betrug etc.!
Kaufen sie nur, was und nur SOVIEL sie WIRKLICH brauchen, Kombi- bzw. Mengenangebote, aber auch die bereits Standard 1/2 oder 1 Kilo-Packs im Supermarkt, deren Reste irgendwann im Müll landen, sind immer teurer. (Erhältlich ehestens s. 1. Punkt)
Meiden sie drittklassige Unterhaltungsprogramme, in denen ebensolche Laiendarsteller ihnen die eigenen o.ä. Lebensmiseren als schlechten Witz vorspielen (praktisch die volle Sendezeit beinahe aller Sender).

rb 12.02.06




1          ) bereits heute ist der überwiegende Teil aller Unternehmen weltweit im Besitz von nur sehr wenigen Leuten,
              versteckt in einem kaum durchschaubaren Geflecht von Beteiligungen und Gesellschaften.
2          ) natürlich nur bei den ‚Grossen', die können sich's leisten, und wir dürfen das dann auch noch mit bezahlen!
3          ) Hier ein Tipp für die Industrie: Man schließt sich zusammen und produziert gleich denselben Schrott in
              einheitlich simpler Verpackung, diktiert dann ohnehin den Preis, spart so auch noch die Werbungskosten
             und macht noch weit mehr Profit!